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Vom Superstar nach ganz unten und
zurück: Mariah Carey ist wieder da. Und besser als je zuvor...
Draußen in der Dämmerung wird der Regen wieder stärker.
In Saal 1 des Londoner Soho-Hotels warten 150 Journalisten darauf, end-
lich die neue Platte von Mariah Carey zu hören, und ihre Stimmung
passt zum Wetter. Es ist nicht das erste Mal, dass Madame auf sich
warten lässt. Interview-Termine? Dreimal verbindlich zugesagt. Und
dreimal im allerletzten Moment wieder abgesagt, tut uns leid, wir
melden uns wieder. Auch heute ist Carey zu beschäftigt, um
persönlich vorbeizuschauen. Für nächste Woche sieht es
aber wirk- lich gut aus, verspricht die Promoterin, noch eine Garnele?
Nach fast zwei Stunden öffnen sich endlich die Türen von Saal
2. Ein Kinosaal, vor der Leinwand stehen eine riesige Anlage und ein
schwerer Ledersessel, in dem "Def Jam"-Plattenchef Antonio "L.A." Reid
Platz nimmt. Schwarzer Anzug, schwarze Krawatte, weißes Ein-
stecktuch und ein Grinsen auf dem Gesicht. "Ladies and Gentle- men",
sagt er, "it's like that." Dann drückt er aufs Knöpfchen.
Es dauert ein paar Sekunden. Aber dann geschieht etwas. 150 Mu-
sikkritiker, die eben noch völlig entnervt ins Leere gestarrt
haben, richten sich so kerzengerade auf, als wäre ein Stromschlag
in sie gefahren. Die Ersten beginnen, mit dem Kopf zu nicken. Noch ein
bisschen zögerlich am Anfang, dann ohne auf die Kollegen zu ach-
ten. Beim zweiten Refrain verliert Reihe 3 die Contenance, und L.A.
Reid da vorne in seinem Ledersessel fängt an, Luftkeyboard zu
spielen.
Es ist einer von diesen magischen Momenten, um die es in der Popmusik
geht, wie sie aber nur noch selten vorkommen. Ein Au- genblick, in dem
es nicht ums Business und ums Image geht und nicht darum, dass
irgendein Star etwas Neues gemacht hat, das nun unter die Leute
gebracht werden muss. Sondern nur noch da- rum, dass man von einem Lied
und einer Stimme umgeschmissen wird, dass plötzlich alles von
einem abfällt, was eben noch gestört hat, dass man von einer
Sekunde auf die andere glücklich wird.
Mariah Carey singt nicht, sie cremt. So voll und satt und unwider-
stehlich wie mundwarmer Karamellpudding. Süß mit ein ganz
klein wenig Bitternes. Und so köstlich, dass man mit dem Finger
hinein- langen will oder noch besser gleich darin baden.
Sechs Lieder und 30 Minuten lang geht das so, mehr ist noch nicht
fertig von "Emancipation of Mimi", wie das im April erscheinende Album
heißt. Als die Journalisten wieder nüchtern sind, wissen
sie: Mariah Carey ist nicht nur wieder da, sie ist besser als je zuvor.
Nicht mehr dieses Goldkehlchen, das zwar mehr Oktaven schaffte als jede
ihrer Konkurrentinnen, aber dabei immer so klang, als wäre viel
Geld nötig gewesen, um sie zum Singen zu überreden. Nicht
mehr so verdammt gebremst. Das hier ist kein erster Gang mehr, das ist
das durchgetretene Gaspedal einer Stretchlimousine. Mit einem Mal
klingt Careys Stimme, als hätte man sie endlich freigelassen.
Die letzten Jahre waren keine guten für Mariah Carey. Bei einer
Live-Show von MTV brabbelt die Sängerin im Juli 2001 so wirres
Zeug, dass der Moderator sie vor laufender Kamera für
verrückt erklärt. "Ich weiß nicht, was gerade mit
meinem Leben passiert", hinterlässt sie wenige Tage später
auf ihrer Website - eine ver- zweifelte Botschaft, die nicht so schnell
wieder gelöscht werden kann, wie die Gerüchtemaschinerie
anrollt. Carey, heißt es, hat die Trennung von ihrem
Langzeitlover Luis Miguel nicht verkraftet. Carey, heißt es,
hätte ein Burger-Restaurant in einem Wonderwo- man-Kostüm
besucht. Carey glaubt, Marilyn Monroe hätte zu ihr gesprochen -
aus ihrem Klavier! Die Medien schlachten Carey Ver- wirrtheit gnadenlos
aus, und die Sängerin liefert zuverlässig neues Futter.
Völlig erschöpft von endlosen Promotionterminen für
ihren Film "Glitter", für den sie gleichzeitig den Soundtrack
aufnimmt, bricht sie schließlich zusammen und wird in ein
Krankenhaus ein- geliefert. Kino- und Plattenstart werden verschoben,
sämtliche Auf- tritte abgesagt. Als "Glitter" dann ausgerechnet
kurz nach dem 11. September 2001 in die US-Kinos kommt, interessiert
sich niemand mehr für die Geschichte eines exzentrischen Stars.
Und die CD mit dem Soundtrack, ihr erstes Album bei Virgin Records, die
für Carey unfassbare 80 Millionen Dollar bezahlt haben, verkauft
sich so miserabel, dass die Plattenfirma im Februar 2002 den Vertrag
für die nicht minder stattliche Summe von 28 Millionen Dollar
wieder auflöst. In den 90er Jahren hatte Carey jedes Jahr
mindestens einen Megaseller gehabt, in der ewigen Bestenliste der
Künstler mit den meisten Nummer-1-Hits liegt sie bis heute auf dem
sensationellen dritten Platz - gleich hinter den Beatles und Elvis
Presley. Und nun ist sie am Ende.
Vielleicht ist genau dieser Erfolg der Grund für ihren Absturz. Je
besser sich ihre Platten verkauften, je größer die
Ansprüche an sie wurden, desto leichter konnte sie sich mit
Perfektionismus und ihrem Celebrity-Status betäuben. Im Gegensatz
zu ihren Konkur- rentinnen hat Carey es immer versäumt, für
sich eine Rolle zu finden, in der sie sich wohlfühlen konnte.
Christina Aguilera? Die unverschämte Popdiva. Gwen Stefani? Das
coole Punk-Chick. Brit- ney? Das All American Girl. Aber wer war Mariah
Carey? Die Pop- prinzessin oder die HipHop-Braut? Ein unschuldiges
Mädchen ("Ich kann alle meiner Männer an einer Hand
abzählen") oder eine sexy Verführerin in goldpaillierten
Hotpants? Wenn man überlebensgroß geworden ist, geht einem
manchmal das Leben verloren.
"Sie ist schön, aber fühlt sich hässlich. Sie ist
talentiert, aber kann den Klang ihrer eigenen Stimme nicht leiden. Sie
versteckt sich hinter ihrer Arbeit und lässt andere Menschen
über ihre Identität entscheiden, weil sie zu große
Angst hat, auf ihre eigenen Gefühle zu hören", gab Careys
ehemalige Schauspiellehrerin nach dem Zusammenbruch einer britischen
Tageszeitung zu Protokoll. Und sie selbst begann plötzlich,
über die Gründe für ihre nagenden Selbstzweifel Auskunft
zu geben: "Ich hatte nie das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Das
Einzige, was mich zu etwas Besonderem machte, war meine Musik. Ich
hatte nie das Gefühl, wie die an- deren Kinder zu sein, weil ich
das auch nie war. Wir hatten nie viel Geld. Manchmal musste ich bei
Freunden meiner Mutter leben, weil wir kein Dach über dem Kopf
hatten. Und das Einzige, was mich durchhalten ließ, war der
Glaube daran, dass ich es schaffen kann", erzählte Carey in der
Larry-King-Show über ihre Kindheit, die alles andere als rosig
war. Mit drei Jahren lassen sich ihre Eltern scheiden. Sie bleibt bei
der Mutter, einer Opernsängerin, die selten zu Hause ist,
dafür ständig pleite. Ihre Schwester Alison wird mit 15
schwanger, heiratet mit 16, kommt in Kontakt mit Drogen und
Prostitution und infiziert sich mit HIV.
Eins aber hat Carey durch eine Kindheit wie diese gelernt: nicht
aufzustecken. Zu kämpfen. Und davon zu träumen, dass jede
Aschenbrödelgeschichte ein erlösendes Ende findet. Das macht
sich nun bezahlt. Mit derselben Energie, mit der sie vor ihrem Zu-
sammenbruch die Hit-Machinerie am Laufen gehalten hatte, macht sie sich
nun an ihre Selbstheilung. Im Mai 2002 wechselt sie zum hippen
Plattenlabel Def Jam und lässt sich im Vertrag künst-
lerische Freiheit garantieren. Sie unterzeiht sich einer Therapie und
lernt endlich, wie wichtig Pausen sind. Mit "Charmbracelet", ihrem
ersten Album nach der großen Krise, liefert sie zwar keinen Mega-
seller ab, aber immerhin auch keinen Flop. Mariah Carey scheint zum
ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie Spaß zu haben. Und sie
lässt sich nicht mehr von den Erwartungen anderer einschüch-
tern, sondern nimmt sich die Zeit, die sie braucht. Für "The Eman-
cipation of Mimi" sind es fast zweieinhalb Jahre. Sie verbündet
sich mit Künstlern wie The Neptunes, Snoop Dogg oder Jermaine
Dupri und nimmt ihr erstes wirklich cooles Album auf. Kein schnell ser-
viertes R&B-Fastfood mehr. Sondern Karamellpudding, voll und satt
und unwiderstehlich. Keine Kompromisse mehr: "Zum ersten Mal in meinem
Leben fühle ich mich frei und schäme mich nicht für das,
was ich bin. Ich kann ehrlich sagen: Das bin ich. So bin ich wirklich."
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